„Wo gehobelt wird, da fallen Späne.“
Mit diesem einen Satz beendete ein Kandidat sein Bewerbungsgespräch bei mir, er wusste es nur noch nicht. Auf dem Papier war er perfekt: Top-Qualifikationen, analytisch stark, souveräner Auftritt. Dazu eine Empfehlung direkt aus der Geschäftsführung. Alles lief rund. Bis zu einem entscheidenden Moment.
Ich stellte eine aus meiner Sicht einfache, aber aufschlussreiche Frage: „Wie gehen Sie mit Mitarbeitenden um, die bei Veränderungen nicht sofort mitziehen?“
Seine Antwort: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne.“
Zack. Gespräch innerlich beendet. Denn wer Mitarbeitende beim ersten Widerstand entsorgt, der taugt nicht zur Führungskraft.
Doch häufig geht es eher um die Zwischentöne. Dann ist es nicht so klar und ich höre dann hin und wieder den Einwand von Führungskräften, dass Empahtie zuviel Zeit kostet. Meine Antwort: Mangelnde Empathie ist teurer. Sie wird mit erhöhter Fluktuation, inneren Kündigungen, Konflikten und verpassten Innovationen bezahlt. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 61% der Mitarbeitenden mit empathischen Führungskräften berichten von gesteigerter Innovationskraft, verglichen mit nur 13% bei weniger empathischen Vorgesetzten, so eine umfassende Studie von Catalyst aus dem Jahr 2021. Doch zwischen diesem Wissen und der gelebten Praxis liegt oft eine Welt.
In diesem Moment im Bewerbungsgespräch war mir klar: Diese Person bringt nicht mit, was heute gute Führung ausmacht. Sie sieht Menschen als Mittel zum Zweck. Nicht als Persönlichkeiten mit Emotionen, Biografien, innerem Antrieb und manchmal auch Widerstand.
Ich habe mich damals gegen diese Einstellung entschieden, und glücklicherweise sah es der anwesende Personaler genauso. Wir haben diese Entscheidung so kommuniziert, dass sie von der Geschäftsführung akzeptiert wurde. Und ich habe diese Entscheidung nie bereut.
Empathie wird oft als weich, ineffizient oder „nice to have“ abgestempelt. Ich halte das für einen gefährlichen Irrtum. Empathische Führung ist kein Kuschelkurs. Es ist vielmwehr ein messbarer Wettbewerbsvorteil.
In all meinen Projekten zu Führung und Change-Management habe ich eines gelernt: Führung ist keine rein fachliche Kompetenz. Es geht nicht darum, Menschen zu steuern, sondern sie zu verstehen, zu befähigen, zu inspirieren und zwar gerade dann, wenn es unbequem wird. Und das geht nur mit Empathie.
Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig:
Empathie ist somit kein Soft-Skill mehr – sie ist ein zentraler Leadership-Skill.
Doch warum tun sich viele Führungskräfte so schwer damit?
Einwand 1: „Empathie kostet zu viel Zeit „
Die Realität: Empathie spart Zeit. Teams mit empathischen Führungskräften sind um 21% produktiver als solche mit weniger empathischen Vorgesetzten, wie regelmäßige Untersuchungen des Gallup Instituts zeigen. Wer nicht zuhört, zahlt später drauf. In Form von Missverständnissen, Konflikten und aufwendigen Korrekturen.
Ein Gespräch, das fünf Minuten länger dauert, weil ich wirklich zuhöre, kann mir Wochen an Nacharbeit ersparen.
Einwand 2: „Empathie macht mich als Führungskraft angreifbar“
Die Realität: Empathie erhöht nicht die Angreifbarkeit, sondern die Wirksamkeit. Sie führt zu schnelleren Entscheidungen, weniger Widerstand und stärkerem Commitment, weil Menschen sich gehört fühlen und mitziehen.
Amy Edmondson, Harvard-Professorin und führende Forscherin zum Thema psychologische Sicherheit, hat in jahrzehntelanger Forschungsarbeit nachgewiesen: Teams, in denen Menschen sich sicher fühlen, Fehler zuzugeben und Fragen zu stellen, sind nicht nur innovativer – sie sind auch leistungsfähiger.
Einwand 3: „Empathie bedeutet, allen alles recht zu machen“
Die Realität: Empathisch führen heißt nicht, jedem alles recht zu machen. Es bedeutet: Klar zu kommunizieren, dabei aber die Beziehung im Blick zu behalten. Empathie und Klarheit schließen sich nicht aus. Ganz im Gegenteil, sie verstärken sich gegenseitig.
Klar ist aber auch: Es gibt Menschen, denen Empathie scheinbar in die Wiege gelegt wurde, während es anderen schwerer fällt. Aber wie bei jeder Fähigkeit ist auch diese bis zu einem gewissen Grad erlernbar. Wenn man denn will.
Mir haben in meiner Führungspraxis immer die folgenden drei Verhaltensweisen geholfen:
Eines der wichtigsten Learnings für mich war: Zuhören ist kein passiver Akt, sondern aktives Handeln.
Früher bin ich oft in Diskussionen direkt in die Lösung gesprungen: „Okay, verstehe. Also dann mach doch einfach…“
Das Problem: Ich habe nicht wirklich zugehört. Ich habe reagiert, nicht verstanden.
Heute versuche ich bewusst, Raum zu lassen. Still zu bleiben. Nicht gleich zu antworten. Sondern mit Fragen zu arbeiten wie:
Das kostet vielleicht eine Minute mehr, spart aber später oft zeitfressende Missverständnisse oder Konflikte. Und vor allem: Menschen stehen viel mehr hinter einer Lösung, die sie selbst erarbeitet haben.
Mein Praxis-Tipp: Schreib dir nach wichtigen Gesprächen auf, was du gehört hast. Nicht nur inhaltlich, sondern emotional. Was war zwischen den Zeilen spürbar? Diese Reflexion schärft das Gespür für zukünftige Gespräche.
Ich erinnere mich an ein Change-Projekt, bei dem ein Teammitglied große Widerstände hatte. Mein erster Impuls war: „Dann musst du da jetzt halt einfach durch.“
Aber ich habe mir die Zeit genommen, seine Perspektive wirklich zu verstehen. Heraus kam: Es ging ihm nicht um die Veränderung selbst. Es ging um die Angst, am Anfang vor Kunden für eine Zeit nicht mehr so kompetent zu wirken.
Dieses Gespräch war der Gamechanger. Ich konnte ihm nicht versprechen, dass alles ohne Fehler ablaufen wird, aber ich konnte ihm die Sicherheit geben, dass die Kunden es ihm nicht übelnehmen werden und dass wir als Team hinter ihm stehen.
Das Ergebnis: Aus einem Widerstandskämpfer wurde ein Veränderungsbotschafter. Der später richtig stolz darauf war den Wandel geschafft zu haben.
Die Erkenntnis, dass ich nie „fertig“ sein werde als Führungskraft, ist aus meiner Sicht essentiell. Das führt dazu, dass ich mich immer wieder selbst in Frage stellen darf und muss.
In Bezug auf empathische Führung frage ich mich auch heute noch regelmäßig:
Ich schreibe mir diese Gedanken manchmal einfach kurz runter. Keine große Analyse, eher wie ein innerer Check-In.
Und ab und zu tausche ich mich dazu auch mit vertrauten Personen aus. Denn eins ist auch klar: Die eigenen blinden Flecken sieht man selbst am schlechtesten. Da ist ein ehrlicher Blick von außen extrem hilfreich.
Wenn du führen willst, brauchst du mehr als Ziele, Pläne und Kontrolle. Du brauchst auch funktionierende Beziehungen, Verbindungen und auch ein stückweit ein echtes Interesse an deinen Mitarbeitenden.
Empathie schützt dabei nicht vor harten Entscheidungen. Aber sie sorgt dafür, dass du sie verantwortungsvoll triffst und wertschätzend kommunizierst.
Und das Beste daran: Empathie ist lernbar. Nicht jeder Mensch ist von Natur aus einfühlsam, aber jeder kann bewusster wahrnehmen, ehrlicher kommunizieren und klarer in der Verbindung mit anderen werden.
Du stehst aktuell vor einer Leadership-Herausforderung?
Ob es um den Umgang mit Widerständen in Veränderungsprozessen geht, um die Entwicklung deines Führungsstils oder um konkrete Team-Dynamiken: Empathische Führung lässt sich entwickeln – mit dem richtigen Sparringspartner an deiner Seite.
In einem kostenlosen, persönlichen Beratungsgespräch schauen wir gemeinsam auf deine aktuelle Situation und finden heraus, welche Ansätze für dich und dein Umfeld am besten funktionieren.
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