Innere Kündigung bei High Performern erkennen - Der Blogartikel von Kenneth Simon

Innere Kündigung bei High Performern erkennen: So gelingt es dir

Inhaltsverzeichnis

Vor einigen Jahren durfte ich ein Drama von der Seitenlinie aus beobachten. Eine Führungskraft aus der gleichen Geschäftseinheit wie ich verließ das Unternehmen Knall auf Fall, was den Geschäftsführer nachträglich in ein schlechtes Licht rückte und damals tatsächlich den Anfang vom Ende seiner Karriere in diesem Unternehmen einläutete.

Ich hatte noch die Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Auf meine Frage, warum sie das Unternehmen verlassen hatte, sagte sie:

„Ich habe hier jahrelang immer abgeliefert, aber seit dem der neue Geschäftsführer da ist, wurde ich links liegengelassen, meine Ideen nicht mehr gehört und am Ende hieß es noch, ich wäre nicht proaktiv genug. Aber wie soll man dauerhaft proaktiv sein, wenn der Chef einem nicht zuhört?“

Ich konnte sie damals tatsächlich gut verstehen, denn auch mir war aufgefallen, dass die Führungsspitze gerade ihren Bereich nicht so im Fokus hatte, wie es früher der Fall gewesen war.

Was mich aber am meisten überraschte, war das Unverständnis und die Überraschung der Führungsspitze über ihren Abgang.

Dabei war ihr Rückzug selbst für mich als Außenstehenden klar zu sehen. Sie war über die Monate stiller geworden, lieferte weniger Ideen und kümmerte sich nur noch um ihr Kerngeschäft.

Und genau das sind auch Situationen, die ich erschreckend häufig in Coachings erlebe.

Warum innere Kündigung bei High Performern so gefährlich ist

Dabei ist es klar: Auch wenn es manchmal so aussieht, die besten Leute kündigen nicht plötzlich. Sie kündigen erst einmal innerlich, lange bevor sie die Firma verlassen.

Das Problem dabei ist häufig, die innere Kündigung bei High Performern überhaupt zu erkennen. Denn diese Top-Performer rebellieren  nicht immer laut. Sie machen keine Szene oder protestieren lautstark. Sie werden einfach stiller, distanzierter und weniger engagiert.

Aber sie liefern in ihren Kernaufgaben trotzdem noch ab. Und genau deshalb übersehen wir es so schnell.

Die Folge? Die Organisation verliert ihre wertvollsten Leute.

Laut dem Gallup Engagement Index 2024 haben 13 Prozent der Beschäftigten bereits innerlich gekündigt, was zu Kosten zwischen 113,1 und 134,7 Milliarden Euro durch Produktivitätseinbußen führt. Der Wechsel eines Top-Mitarbeiters zu einem anderen Unternehmen kostet in etwa das drei- bis vierfache seines Jahresgehalts, während Maßnahmen zur Bindung dagegen zehnmal günstiger sind. Das ist ein Verlust, der businesskritisch sein kann oder sogar existenzbedrohend!

Doch wie erkennst du, ob deine besten Leute innerlich schon weg sind?

Eigentlich brauchst du nur eins: Aufmerksamkeit, um die Signale zu erkennen.

Hört sich einfach an, ist aber in der Hektik des Alltags verdammt schwer.

Denn dafür musst du genau hinschauen, zuhören und Fragen stellen. Ich beobachte allerdings häufig, dass gerade überlastete Führungskräfte genau das vernachlässigen, weil sie denken: „Solange die Performance stimmt, ist alles gut.“

Daher habe ich einmal sechs Warnsignale zusammengefasst, die mir schon häufiger begegnet sind, und auch was du tun kannst, wenn du sie entdeckst.

Die 6 Warnsignale innerer Kündigung bei High Performern

 

1. Nachlassende Initiative

Früher kam sie mit Ideen. Hat Vorschläge gemacht. Wollte Dinge verbessern. Jetzt macht sie nur noch, was explizit verlangt wird, nichts mehr darüber hinaus. Sie liefert, aber sie gestaltet nicht mehr mit.

Das ist ein riesiges Warnsignal, weil High Performer normalerweise mitdenken wollen. Wenn sie aufhören, stimmt etwas nicht.

2. Rückzug aus Diskussionen

In Meetings ist sie plötzlich still. Früher hat sie diskutiert, hinterfragt, mitgedacht. Jetzt nickt sie nur noch. Sie widerspricht nicht mehr, sie bringt keine Gegenargumente. Sie ist physisch da, aber mental abwesend.

Und oft wird das als „endlich ist sie pflegeleicht geworden“ missverstanden. Aber pflegeleicht bei einem High Performer ist ein Alarmsignal.

3. Sinkende emotionale Beteiligung

Früher war sie voll dabei. Erfolge haben sie gefreut, Probleme haben sie geärgert. Jetzt ist alles gleich. Egal ob Erfolg oder Misserfolg, die Reaktion ist neutral.

Diese emotionale Flachheit ist gefährlich, denn sie zeigt: Es ist ihr egal geworden. Und wenn es jemandem egal wird, ist er innerlich schon weg.

4. Kürzere Antworten

Auf Fragen kommt nur noch das Nötigste. Früher hat sie ausführlich geantwortet, Kontext gegeben, mitgedacht. Jetzt nur noch: „Ja“, „Nein“, „Ist erledigt“.

Die Kommunikation wird transaktional. Das zeigt, dass sie keine Energie mehr in die Beziehung investiert.

5. Rückzug aus informellen Momenten

Kein Smalltalk mehr, kein Kaffee zusammen, keine Gespräche nach Meetings. Sie kommt, macht ihren Job, geht. Die persönliche Verbindung bröckelt.

Und das ist oft das früheste Zeichen, aber auch das am leichtesten zu übersehende.

6. Plötzliche Pünktlichkeit

Klingt komisch, oder? Aber High Performer bleiben normalerweise länger, wenn es brennt. Sie machen die extra Meile. Wenn sie plötzlich exakt um 17 Uhr gehen, egal was gerade los ist, ist das ein Signal. Sie hat innerlich eine Grenze gezogen: „Ich mache nur noch, was vertraglich vereinbart ist.“

Wenn drei oder mehr dieser Signale gleichzeitig auftreten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch: Dein High Performer ist innerlich bereits gegangen.

Der kritische Unterschied: Überlastet vs. innerlich gekündigt

Jetzt wird’s wichtig, denn nicht jede Veränderung bedeutet innere Kündigung.

Ich sehe das immer wieder in Coachings: Eine Führungskraft beobachtet, dass ihr High Performer sich zurückzieht. Weniger Initiative, weniger Engagement. Und macht dann einen fatalen Fehler: Sie interpretiert es als innere Kündigung, dabei ist die Person einfach nur am Limit.

Der Unterschied zwischen „Ich bin überlastet und nehme mich gerade zurück“ und „Ich habe innerlich gekündigt“ ist riesig. Aber die Symptome sehen auf den ersten Blick erschreckend ähnlich aus.

 

Wie unterscheidest du das?

 

Der erste Indikator ist die Kommunikation über die Belastung.

Jemand der überlastet ist, spricht darüber. Vielleicht nicht laut, vielleicht nicht direkt, aber es kommt zur Sprache. „Ich habe gerade wahnsinnig viel zu tun.“ „Ich bin echt am Limit.“ „Ich schaff das gerade nicht mehr.“ Das sind Hilferufe. Wenn du sie hörst und ernst nimmst, ist Rettung möglich.

Jemand der innerlich gekündigt hat, spricht nicht mehr darüber. Die Person hat aufgegeben zu kommunizieren, weil sie nicht mehr glaubt, dass es etwas ändert. Statt zu sagen „Ich bin überlastet“, sagt sie gar nichts mehr. Oder nur „Passt schon.“

Der zweite Indikator ist die Reaktion auf Entlastung.

Wenn du jemandem, der überlastet ist, echte Entlastung anbietest, ein Projekt wegnimmst, Unterstützung organisierst, Prioritäten klärst, ist die Person erleichtert. Die Person atmet auf. Und nach einer Erholungsphase kommt die Energie zurück.

Wenn du jemandem, der innerlich gekündigt hat, Entlastung anbietest, passiert nichts. „Okay, danke.“ Keine Erleichterung. Keine Veränderung der Grundstimmung. Weil das Problem nicht die Arbeitslast ist, sondern die Beziehung zum Job, zum Unternehmen, zu dir.

Der dritte Indikator ist die Zukunftsperspektive.

Jemand der überlastet ist, redet trotzdem über Zukunft. „Wenn das Projekt durch ist, dann können wir…“ Oder „Nächstes Quartal wird hoffentlich ruhiger.“ Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels, Hoffnung auf Besserung.

Jemand der innerlich gekündigt hat, redet nicht mehr über die gemeinsame Zukunft. Wenn du fragst „Was sind deine Ziele für nächstes Jahr?“, kommt entweder gar nichts oder etwas sehr Vages. Die Person plant nicht mehr für die Zukunft.

Der vierte Indikator ist die emotionale Qualität der Erschöpfung.

Überlastung fühlt sich verzweifelt an. „Ich schaffe das nicht mehr. Ich brauche Hilfe.“ Es ist ein Kampf, aber es ist noch Emotion da. Ärger, Frustration, manchmal Tränen.

Innere Kündigung fühlt sich gleichgültig an. Keine Verzweiflung. Keine Emotion. Nur Leere. „Ist halt so.“ Diese Gleichgültigkeit ist das Zeichen, dass die Person mental schon draußen ist.

 

Warum ist diese Unterscheidung so wichtig?

 

Weil deine Reaktion komplett unterschiedlich sein muss.

Bei Überlastung brauchst du Entlastung, Priorisierung, Unterstützung. Bei innerer Kündigung brauchst du ein fundamentales Gespräch über Sinn, Perspektive, Wertschätzung. Oder die Einsicht, dass die Person gehen wird.

Wenn du Überlastung mit innerer Kündigung verwechselst, verlierst du Menschen, die du hättest retten können. Wenn du innere Kündigung mit Überlastung verwechselst, verschwendest du Energie auf jemanden, der schon weg ist.

 

Warum gerade die Besten still gehen

 

Hier ist das Paradoxe: Du würdest erwarten, dass die besten Mitarbeiter am lautesten sind. Dass sie sagen: „Das passt mir nicht!“ Dass sie fordern, kritisieren, rebellieren.

Aber genau das Gegenteil passiert oft. Die Besten gehen still. Warum?

Weil High Performer oft einen starken Verantwortungssinn haben. Sie wollen das Team nicht im Stich lassen, sie wollen nicht als Querulanten gelten, sie wollen professionell bleiben. Also schlucken sie ihren Frust runter. Sie machen weiter. Sie liefern. Aber innerlich ziehen sie sich zurück.

Ein zweiter Grund ist, dass High Performer oft schon mehrfach versucht haben, etwas zu ändern. Sie haben Probleme angesprochen, Vorschläge gemacht, Kritik geäußert. Aber nichts hat sich geändert. Irgendwann lernen sie: „Reden bringt nichts.“ Also hören sie auf zu reden. Sie kündigen innerlich und sparen ihre Energie für die Jobsuche.

Ein dritter Grund ist, dass gute Leute Optionen haben. Sie wissen: Der Arbeitsmarkt braucht sie. Also müssen sie nicht laut werden. Sie können einfach gehen. Und das tun sie dann auch.

Das Gefährliche daran ist: Während mittelmäßige Mitarbeiter oft laut werden, wenn sie unzufrieden sind, und dir damit die Chance geben zu reagieren, geben dir die Besten diese Chance oft nicht. Sie entscheiden für sich, gehen innerlich, und irgendwann kommt die Kündigung. Und dann sitzt du da und denkst: „Warum hat sie nichts gesagt?“

Die Antwort: Hat sie. Nur nicht laut genug, dass du es gehört hast.

 

Das Rettungs-Gespräch: Wie du sie zurückholst

 

Okay, du hast die Signale erkannt. Dein High Performer ist innerlich auf dem Weg raus. Was jetzt?

Jetzt brauchst du ein ehrliches, mutiges Gespräch. Kein Standard-Mitarbeitergespräch. Ein echtes Rettungs-Gespräch. Wie führst du so ein Gespräch?

Erstens: Benenne, was du siehst. Nicht anklagend, sondern beobachtend. „Mir ist aufgefallen, dass du dich verändert hast. Du bist stiller geworden. Du bringst weniger Ideen ein. Und ich frage mich: Ist alles okay?“

Das gibt der Person die Chance zu öffnen oder zuzumachen. Wenn sie zumacht („Alles gut, nur viel zu tun“), ist das selbst ein Signal. Dann musst du nachhaken.

Zweitens: Unterscheide aktiv zwischen Überlastung und Unzufriedenheit. Das ist kritisch. Frag direkt: „Bist du überlastet? Oder geht es um mehr?“ Wenn die Antwort „Ja, ich bin überlastet“ ist, frag weiter: „Okay, was können wir konkret tun, um dich zu entlasten?“ Und dann hör zu.

Wenn die Antwort vage ist („Geht schon“, „Ist halt viel los“), dann frag direkter: „Ganz ehrlich: Geht es nur um die Menge an Arbeit? Oder gibt es auch andere Dinge, die dich frustrieren?“

Drittens: Frage direkt nach Unzufriedenheit. „Bist du noch glücklich hier? Gibt es etwas, das dich frustriert? Etwas, das wir ändern müssten?“ Und dann sei still. Warte. Gib Raum für eine ehrliche Antwort. Diese Stille ist unbequem, aber sie ist notwendig.

Viertens: Erkenne Fehler an, wenn es welche gab. Wenn du merkst, dass du etwas übersehen hast, sei es Überlastung oder Unzufriedenheit, sag es. „Ich merke gerade, dass ich das nicht mitbekommen habe. Das tut mir leid.“ Das zeigt, dass du es ernst nimmst.

Fünftens: Frage nach konkreten Änderungen. „Was müsste sich ändern, damit du wieder gerne hier arbeitest?“ Und dann hör zu. Wirklich zu. Nicht mit dem Ziel zu rechtfertigen, sondern zu verstehen.

Sechstens: Sei ehrlich, was möglich ist und was nicht. Wenn die Person sagt „Ich will mehr Gehalt“ und du kannst es nicht geben, sag es ehrlich. Aber biete Alternativen an. „Gehalt kann ich gerade nicht ändern. Aber ich könnte dir mehr Flexibilität geben. Oder ein spannendes Projekt. Oder ich nehme dir drei Aufgaben weg, die dich nerven. Würde das helfen?“

Und dann kommt der wichtigste Teil: Vereinbart konkrete nächste Schritte mit Terminen. Nicht „Wir schauen mal“, sondern „Bis Ende nächster Woche habe ich mit der Geschäftsführung gesprochen. Dann treffen wir uns wieder und ich gebe dir eine klare Antwort.“

Aber sei dir bewusst: Nicht jedes Rettungs-Gespräch funktioniert. Manchmal ist die Person schon zu weit weg. Und dann musst du loslassen.

Woran erkennst du, dass es zu spät ist? Wenn die Person im Gespräch komplett verschlossen bleibt. Wenn sie sagt „Alles okay“ und du spürst, dass es gelogen ist. Wenn sie auf die Frage „Was würde dich hier halten?“ keine Antwort hat. Dann ist sie mental schon woanders. Und dann ist das Beste, was du tun kannst: Einen professionellen, respektvollen Übergang ermöglichen.

 

Fazit: Die besten Leute gehen leise, wenn du nicht aufpasst

 

Die innere Kündigung bei High Performern zu erkennen ist nicht leicht und viele Führungskräfte warten eher auf laute Signale, auf klare Zeichen oder offene Unzufriedenheit.

Aber High Performer funktionieren oft nicht so. Sie gehen still. Sie kündigen innerlich, lange bevor sie es aussprechen. Und wenn du nicht hinschaust, merkst du es erst, wenn die Kündigung auf deinem Schreibtisch liegt. Und dann ist es zu spät.

Damit hast du als Führungskraft die Wahl: Du kannst weiter nur auf Zahlen schauen und hoffen, dass schon alles gut ist. Oder du entwickelst Aufmerksamkeit für die leisen Signale, die Veränderungen, die Rückzüge, die kleinen Verschiebungen.

Und du lernst zu unterscheiden: Ist diese Person nur überlastet und braucht Entlastung? Oder ist sie innerlich schon weg?

Denn am Ende geht es nicht darum, jeden zu halten. Es geht darum, die Besten nicht zu verlieren, weil du zu spät hingeschaut hast. Oder weil du Überlastung nicht ernst genommen hast, bevor daraus innere Kündigung wurde.

 

Du brauchst Unterstützung dabei, deine besten Leute zu halten?

Manchmal reicht es nicht, die Warnsignale zu kennen. Manchmal brauchst du jemanden von außen, der mit dir gemeinsam hinschaut und dir hilft, die richtigen Gespräche zur richtigen Zeit zu führen.

Wenn du merkst, dass du Unterstützung brauchst, um innere Kündigungen frühzeitig zu erkennen und deine High Performer zu halten, dann lass uns reden.

In einem kostenlosen, persönlichen Beratungsgespräch schauen wir gemeinsam auf deine aktuelle Teamsituation und finden heraus, wo du ansetzen kannst, bevor es zu spät ist.

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