Psychologische Sicherheit im Team fördern: Warum Widerspruch der Schlüssel zu besseren Entscheidungen ist Bild zum Artikel von Kenneth Simon

Psychologische Sicherheit im Team fördern: Warum Widerspruch der Schlüssel für bessere Entscheidungen ist

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Psychologische Sicherheit im Team fördern: Warum Widerspruch der Schlüssel zu besseren Entscheidungen ist

Wenn mir Führungskräfte berichten, wie es mit ihrem Team so läuft, dann bekomme ich immer wieder einmal eine Antwort, die mich aufhorchen lässt:

„Kenneth, bei uns läuft’s richtig gut. Mein Team zieht immer mit. Keine endlosen Diskussionen, keine Konflikte, keine Querulanten. Wenn ich eine Entscheidung treffe, nicken alle. Läuft super.“

Meistens warte ich dann nicht lange, sondern frage direkt: „Und wann hat dir das letzte Mal jemand aus deinem Team widersprochen?“

In der Regel schwindet die Zufriedenheit recht schnell, wenn wir dann den Unterschied zwischen Zustimmung und Resignation besprechen und uns im Detail die letzten Diskussionen mit dem Team ansehen.

Warum psychologische Sicherheit so wichtig ist

Dabei ist es im ersten Schritt wichtig, zunächst einmal zu folgender Einsicht zu gelangen: Wenn niemand widerspricht, läuft nicht alles super. Es läuft etwas grundlegend falsch.

Denn ein Team, das immer „Ja“ sagt, macht das aus einem von zwei Gründen:

  1. Entweder sie halten dich für unfehlbar.
  2. Oder sie haben gelernt, dass Widerspruch zwecklos ist.

Ersteres passiert eher selten, zumindest nach meiner Erfahrung. Letzteres ist dagegen sehr häufig.

Manchmal ist es echt paradox, denn in vielen Unternehmen höre ich Führungskräfte sagen: „Ich will mehr Eigenverantwortung und mehr Initiative von meinen Mitarbeitern.“ Und gleichzeitig verhalten sie sich so, dass genau das verhindert wird.

Das Ganze hat dann sehr häufig weitreichende Folgen. Ein Team, das nämlich klein gehalten wird, wird zu einem Team aus Ja-Sagern, die aufgehört haben zu denken. Das ist nicht nur ineffizient, vielmehr kann das brandgefährlich fürs Business werden!

Die gefährliche Illusion der Harmonie

Der Knackpunkt ist dabei im Kern folgende Illusion: Führungskräfte interpretieren Nicken als Zustimmung und übersehen, dass es oft Resignation ist.

Teams lernen schnell, wenn Widerspruch nichts bringt oder sogar schadet. Dann verhalten sie sich zunehmend defensiver und verstummen schließlich ganz. So entsteht eine Kultur, in der niemand mehr die Wahrheit sagt und wichtige Probleme zu spät auf den Tisch kommen.

Die Harvard-Professorin Amy Edmondson hat in jahrzehntelanger Forschung nachgewiesen, dass psychologische Sicherheit die Grundlage für effektive Teamarbeit ist. Sie definiert psychologische Sicherheit als die gemeinsame Überzeugung aller Teammitglieder, dass es sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen, ohne beschämt, abgewiesen oder bestraft zu werden.

In ihrer berühmten Krankenhaus-Studie von 1999 stellte Edmondson zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass die besten Teams scheinbar mehr Fehler machten als die schlechteren Teams. Des Rätsels Lösung: Die besten Teams machten in Wirklichkeit nicht mehr Fehler, sondern weniger. Jedoch die Offenheit und die Bereitschaft, Fehler zu berichten, war höher.

Das Ergebnis: Teams mit hoher psychologischer Sicherheit sind nicht nur offener im Austausch, sie lernen auch schneller, sind innovativer und leisten nachweislich bessere Arbeit.

 

Warum erfolgreiche Teams anders funktionieren

Ich beobachte allerdings häufig, dass gerade Führungskräfte, die Erfolg mit ihrem Team haben, das zu spät erkennen. Weil sie denken: „Wir sind erfolgreich und wenn alle mir zustimmen, dann muss ich ja richtig liegen.“

Und dann fühlt es sich ja auch noch so gut an, wenn man Zustimmung des gesamten Teams bekommt. Doch das hilft nicht weiter!

Auf lange Sicht erleidet man damit Schiffbruch, insbesondere dann, wenn die nächste Krise vor der Tür steht. Dann brauchst du Mitarbeitende, die unangenehme Wahrheiten nicht unter den Teppich kehren.

Doch wie geht man das jetzt als Führungskraft am besten an?

Aus meiner Sicht macht es im ersten Schritt absolut Sinn, sich selbst erst mal genauer zu reflektieren, um zu erkennen, wie groß der eigene Anteil an der Ja-Sager-Kultur ist.

Der Selbsttest: Wird mir wirklich widersprochen?

Das geht am einfachsten in einem Selbsttest. Hier einmal ein kurzer Ausschnitt davon mit wichtigen Kernfragen:

Erste Frage: Wann hat dir das letzte Mal jemand in einem Meeting widersprochen?
Wenn die Antwort länger als zwei Wochen her ist, ist das ein erstes Warnsignal.

Zweite Frage: Wann hast du das letzte Mal eine Entscheidung aufgrund von Team-Input geändert?
Wenn die Antwort „kann mich nicht erinnern“ ist, dann ist das definitiv ein Thema.

Dritte Frage: Wie reagierst du, wenn jemand eine andere Meinung hat als du?
Sei ehrlich: Fühlst du dich angegriffen? Wirst du defensiv? Fängst du sofort an zu argumentieren? Das hilft dir, dich besser einzuschätzen.

Vierte Frage: Wie oft sagst du in Diskussionen „Ja, aber…“?
Wenn deine erste Reaktion auf Gegenargumente immer „Ja, aber…“ ist, zeigst du damit: Ich höre zu, aber ich will nichts ändern.

Meine Erfahrung: Null bis eine dieser Situationen ist okay. Zwei bis drei bedeutet, du driftest in Richtung Ja-Sager-Kultur. Wenn alle Fragen voll zutreffen, dann solltest du definitiv gegensteuern.

Erste Schritte: Zum Widerspruch einladen

Okay, du hast jetzt vielleicht erkannt: Mein Team widerspricht nicht genug. Was jetzt?

Aus meiner Erfahrung funktionieren vier konkrete Schritte.

Schritt 1: Das Problem offen benennen

Sag deinem Team direkt: „Mir ist aufgefallen: Wir haben sehr wenig Widerspruch und kontroverse Diskussionen in letzter Zeit. Entweder liege ich immer richtig, was unwahrscheinlich ist, oder ihr habt das Gefühl, dass Widerspruch nicht erwünscht ist. Ich will das ändern.“

Das schafft Bewusstsein und zeigt, dass du Widerspruch wirklich willst.

Schritt 2: Aktiv zum Widerspruch einladen

Frag nicht „Hat jemand Fragen?“, sondern „Was könnte an dieser Idee schiefgehen? Wer sieht Risiken, die ich nicht sehe?“

Noch besser ist: „Ich will, dass mindestens drei Leute Gegenargumente bringen, bevor wir entscheiden.“

Das macht Widerspruch zur Erwartung, nicht zur Ausnahme. Diese Technik ist eng verwandt mit dem, was Amy Edmondson als psychologische Sicherheit beschreibt: die gemeinsame Überzeugung, dass es sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen.

Schritt 3: Widerspruch sichtbar belohnen

Wenn jemand widerspricht, sag laut: „Guter Punkt. Danke, dass du das ansprichst.“ Auch wenn du nicht einverstanden bist. Besonders wenn du nicht einverstanden bist.

Dein Team beobachtet genau: Wird Widerspruch bestraft oder belohnt?

Schritt 4: Ändere sichtbar eine Entscheidung aufgrund von Team-Input

Das ist der wichtigste Schritt. Mindestens einmal im Monat solltest du eine Entscheidung treffen, sie mit dem Team diskutieren und dann ändern (natürlich nur wenn das Sinn macht 😉).

Und dann sagst du: „Ich hatte X vor. Ihr habt Y vorgeschlagen. Ihr habt Recht, wir machen Y.“

Das zeigt: Widerspruch wirkt. Er ist nicht nur erlaubt, er hat echten Einfluss.

Zusätzliche Techniken zur Förderung psychologischer Sicherheit

Zusätzlich zu diesen Schritten gibt es ein paar Techniken, die ich hin und wieder mal empfehle:

Die Devil’s Advocate-Rolle

Bitte gezielt jemanden, gegen deine Idee zu argumentieren. „Tim, deine Aufgabe heute: Finde Argumente, warum das nicht funktionieren wird.“

Das normalisiert Widerspruch als Methode, nicht als Rebellion.

Die „Stille zuerst“-Regel

Wenn du eine Frage stellst, sag nicht sofort deine Meinung. Warte. Lass andere zuerst sprechen.

Denn wenn du zuerst sprichst, beeinflusst das alle anderen. Sie passen sich automatisch an.

Das Pre-Mortem

Vor wichtigen Entscheidungen sagst du: „Stellt euch vor, wir haben diese Entscheidung getroffen und sie ist spektakulär gescheitert. Warum?“

Das lädt aktiv zum Kritisieren ein. Wichtig ist dabei allerdings, konstruktiv zu bleiben und das Projekt nicht tot zu reden.

Die „Ich könnte falsch liegen“-Formel

Wenn du eine Idee vorschlägst, sag: „Ich denke, wir sollten X machen. Aber ich könnte falsch liegen. Was übersehe ich?“

Das signalisiert Offenheit und lädt zu Gegenargumenten ein.

Die wissenschaftliche Evidenz für psychologische Sicherheit

Die Forschung ist eindeutig: Psychologische Sicherheit hat messbare positive Auswirkungen. In Edmondsons Studien konnte sie nachweisen, dass psychologische Sicherheit das Lernverhalten von Teams positiv beeinflusst, was wiederum ein signifikanter Prädiktor von Team-Leistung ist.

Je höher die wahrgenommene psychologische Sicherheit, desto höher ist das Lernverhalten des Teams, was wiederum zu erfolgreicheren Ergebnissen der Teams, mehr Innovation und kontinuierlichem Lernen der Organisation beiträgt.

 

Fazit: Gute Führung erkennt man am Widerspruch

Viele Führungskräfte messen ihren Erfolg daran, wie viele ihnen folgen. Aber das ist der falsche Maßstab.

Ich bin überzeugt: Gute Führung erkennst du nicht daran, wie viele dir blind folgen. Du erkennst sie daran, wie sicher sich Menschen fühlen, dir zu widersprechen.

Denn ein Team, das widerspricht, denkt mit. Ein Team, das mitdenkt, leistet besser. Und ein Team, das besser leistet, macht dich zu einer besseren Führungskraft.

Damit hast du als Führungskraft die Wahl: Du kannst weiter ein harmonisches Team haben, das nur nickt und dich dabei belügt. Oder du schaffst eine Kultur, in der Widerspruch nicht nur erlaubt ist, sondern erwünscht.

Denn am Ende geht es nicht darum, Recht zu haben. Es geht darum, die richtige Entscheidung zu treffen. Und das geht nur mit Widerspruch.

 

Du möchtest psychologische Sicherheit in deinem Team fördern?

Manchmal reicht es nicht, die Theorie zu kennen. Manchmal brauchst du jemanden von außen, der mit dir gemeinsam hinschaut und dir hilft, eine Kultur des konstruktiven Widerspruchs zu etablieren.

Wenn du merkst, dass du Unterstützung brauchst, um psychologische Sicherheit in deinem Team zu fördern und eine echte Widerspruchskultur zu schaffen, dann lass uns reden.

In einem kostenlosen, persönlichen Beratungsgespräch schauen wir gemeinsam auf deine aktuelle Teamsituation und finden heraus, wie du eine Umgebung schaffst, in der die besten Ideen gewinnen, nicht die lautesten Stimmen.

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